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Fanfiction: Schneetreiben (Tatort Erfurt)

Titel: Schneetreiben
Fandom: Tatort Erfurt
Charaktere: Maik Schaffert, Henry Funck
Rating: G
Anmerkung: Mein Türchen aus dem Adventskalender auf 120_minuten von gestern, das ich euch nicht vorenthalten wollte. Allerdings hat da auch kein beta drübergeguckt. Nochmal sorry!


„Was macht’n ihr am Heiligabend?“, fragt Maik ziemlich genau eine Woche vor Weihnachten, als sie schon seit Stunden am gleichen langweiligen, ereignislosen Bericht tippen und nicht fertig werden.

Ein bisschen erschrickt er davor, wie laut seine Stimme in seinen eigenen Ohren klingt, so viel lauter als das beständige Ticken der Wanduhr und das spärliche, lustlose Herumtippen auf ihren Tastaturen. Einen Moment lang fragt er sich sogar, ob er gerade wirklich etwas gesagt hat, oder ob er nur kurz eingenickt ist und es geträumt hat.

Er blinzelt mehrmals auf den Bildschirm und die weit ausgebreiteten Akten und Ausdrucke vor ihm und merkt, dass er die letzten paar Minuten gar nicht mehr auf die Arbeit geachtet hat, sondern von Plänen für’s Abendessen über Pläne für das Weihnachtsgeschenk seiner Mutter zu Plänen für Weihnachten selbst gekommen ist und sich plötzlich bewusst wurde, dass Heiligabend etwas ist, das in nicht allzu ferner Zukunft passieren wird, und das genauso langweilig ablaufen wird wie all die Jahre vorher.

Henry sieht ihn über den Schreibtisch und das halbe, dunkle Büro hinweg geradezu so an, als sei er auch von ganz weit weg wieder in die Realität zurückgeholt worden.

Maik kann es ihm nicht verdenken; dieser Bericht ist wirklich grenzwertig langweilig. Er muss trotzdem schmunzeln. Kein Wunder, dass sie nicht fertig werden.

Scheinbar hat er also nicht nur geträumt. Warum er Henry diese Frage aber überhaupt stellt, weiß er selbst nicht. Vielleicht will er hören, dass es bei Henry genauso langweilig wird wie bei ihm.

Es ist dunkel geworden um sie und ihre Arbeit herum, obwohl es noch gar nicht spät ist. Das sanfte gelbe Licht der Schreibtischlampen ist einlullend, der Schnee vor dem Fenster, den sie nur im Schein der Straßenlaternen sehen können, und der um das Gebäude pfeifende Wind haben eine fast schon hypnotische Wirkung. Es ist wirklich sehr einfach, in Gedanken abzuschweifen.

Henry lehnt sich weit im Bürostuhl zurück, sodass Maik sein Gesicht im schwachen Licht des Raumes fast nicht mehr ausmachen kann.

„Essen, Bescherung, Fernsehn gucken“, antwortet er schließlich und streckt sich, als wollte er die Lässigkeit unterstreichen, mit der er an die ganze Weihnachtssache herangeht. Als würde es nicht immer noch an ihm nagen, dass er Claire und sich selbst keine Bilderbuchweihnachten mehr bieten kann. Als würde Claire ihre Mutter an Weihnachten nicht fast noch mehr vermissen als den Rest vom Jahr.

„Hm“, macht Maik, um nichts Falsches zu sagen.

Als Henry sich wieder zurück in den Lichtschein der Schreibtischlampe lehnt, hat er aber schon wieder einen süffisanten Gesichtsausdruck aufgesetzt – diesen Ausdruck, den Maik über alle Maßen hasst, denn es ist ein ‚ist mir doch eh alles egal‘-Ausdruck. Und Maik weiß einfach, dass ihm gar nichts egal ist.

So gut kennen sie sich schon lange.

Henry wartet bestimmt auf eine richtige Antwort. Eine, die aus Wörtern besteht. Aber sie sind nun einmal schlecht mit sowas und Maik verflucht sich schon ein bisschen selbst dafür, dass er das Thema überhaupt angesprochen hat. Er weiß doch ganz genau, was Henry und Claire an Heiligabend machen – da war es wirklich nicht nötig …

Egal.

„Und du so?“, fragt Henry überflüssigerweise, denn er weiß auch ganz genau, was Maik an Heiligabend macht.

„Meine Mutter kocht ihre traditionelle Hausmannskost. Würstchen, Kartoffelsalat und so.“

„Hm.“

Diese Antwort hat er auf jeden Fall verdient. Schön, dass sie darüber gesprochen haben.

Eine Windböe treibt den Schnee gegen ihr Fenster und lenkt glücklicherweise ihre Aufmerksamkeit von der seltsam gestelzten Unterhaltung ab. Maik ist fast versucht, ein Gespräch über’s Wetter anzufangen, hält sich dann aber gerade so zurück. Das fehlte ihnen noch. Erst eine deprimierende Unterhaltung über langweilige Weihnachtsfeiertage und dann auch noch vom Wetter reden.

„Schönes Wetter heute“, sagt Henry im Konversationstonfall und gestikuliert mit einem Kugelschreiber zum Fenster, sodass Maik sich kurzzeitig, aber in erstaunlichem Detailreichtum vorstellt, ihm den Papierkorb an den Kopf zu werfen, sich dann aber damit begnügt, ihn nur ein bisschen auszulachen.

Manchmal vergisst er, dass Henry keinerlei soziale Kompetenz besitzt.

„Was lachst’n du?“, fragt Henry, als sei er ehrlich verletzt, obwohl Maik doch trotz der spärlichen Beleuchtung und den Abstand zwischen ihren Schreibtischen genau erkennen kann, dass er grinst. Der Sack. „All die kleinen Schneeflöckchen, total besinnlich.“

Natürlich fegt in dem Moment eine weitere Böe um das Bürogebäude und rüttelt so ordentlich am Fenster, dass sie beide losprusten.

„Echt total besinnlich.“

Maik sieht schon die gesamte Heimfahrt vor seinem inneren Auge vorbeiziehen, eng hinter das Lenkrad geklemmt, um überhaupt irgendein Stück der Straße erkennen zu können, im Schritttempo die ganze Strecke bis zu Henrys Haus fahrend, grob geschätzte drei Stunden lang, weil sie bestimmt noch hinter einem Räumfahrzeug hängen bleiben. Und all das bei dramatischen Popmusik-Weihnachtsklängen aus dem Radio. Ganz großes Kino.

Währenddessen schiebt Henry sinnlos einige Akten hin und her und lässt sich dann mit einem tiefen Seufzer wieder zurück in den Bürostuhl fallen und sieht den wild umherwirbelnden Schneeflocken vor dem Fenster zu.

„Meinst du, wir kommen heut überhaupt noch heim?“, fragt er.

Maik schmunzelt.

„Wegen dem Wetter oder weil du da drüben mit deiner Unordnung nie fertig wirst?“

Henry besitzt die Unverschämtheit, so zu tut, als wolle er seinen Kugelschreiber auf Maik werfen, der aber nicht einmal daran denkt, sich wegzuducken. Es hätte sowieso keinen Unterschied gemacht; als Henry den Kugelschreiber dann tatsächlich wirft, verfehlt er Maik um geschätzte fünf bis zehn Meter. In allen Richtungen.

„Gut gemacht“, sagt Maik anerkennend, nachdem der Kugelschreiber mit einem traurigen Klappern unter seinem Rollcontainer verschwunden ist.

Henry schneidet eine Grimasse und fängt an, auf seinem Schreibtisch nach einem zweiten Stift zu suchen. Irgendwie wundert es Maik gar nicht, dass er keinen findet.

Er ignoriert eine Zeit lang Henrys übertriebenes Rascheln und Murren, bis Henry schließlich aufgibt.

„Wirf mir mal den Stift zurück.“

„Hättste wohl gerne“, antwortet Maik und grinst. „Steh auf und hol ihn dir selbst.“

Maik hat jahrelange Erfahrung damit, Henrys bettelndem Dackelblick zu widerstehen. Zum Glück. Ansonsten käme er gar nicht mehr zur Ruhe. Deshalb ignoriert er auch ganz gezielt jegliches Murren, als Henry dann doch aufsteht und umständlich den Rollcontainer zur Seite schiebt, um seinen armen, einzigen Kugelschreiber zu retten.

„Vielen Dank für deine Hilfe.“

Henry und Sarkasmus wären eine bessere Verbindung, wenn er dabei nicht aussehen würde wie ein getretener Hund. Maik hat fast Mitleid mit ihm.

Fast.

„Willste mal das Licht anmachen, wo du grade stehst?“, fragt er deshalb auch erst genau in dem Moment, in dem Henry sich wieder in den Bürostuhl hat fallen lassen.

„Nee, lass mal.“

Maik weiß genau, was jetzt kommt.

„Ist grad so besinnlich.“
Tags: @fanfiction, tatort: erfurt
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